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Soeben erschien mein neues Buch als Hard-Cover beim Lukas Verlag Berlin.

Nachfolgend eine erste Rezension:

Wolfgang Welsch: »Widerstand – Eine Abrechnung mit der SED-Diktatur«, 1. Auflage 2021, Berlin, Lukas Verlag.
Eine Rezension von Torsten Sasse

Wissenschaftlich arbeiten und verständlich schreiben, das können eigentlich nur amerikanische Autoren. Der deutsche Soziologe und Publizist Wolfgang Welsch kann es auch. Vielleicht liegt es an seinen »handfesten« Erfahrungen als Stasi-Opfer in der DDR, wenn er auch komplexe Zusammenhänge packend beschreibt.

Mit Widerstand – Eine Abrechnung mit der SED-Diktatur liegt die erste Monografie vor, die sich mit dem DDR-Terror und den vielfältigen Formen des Widerstands in der eingemauerten Republik beschäftigt. Wolfgang Welsch benutzt den Begriff bewusst: Widerstand. Nicht Opposition. Denn daran lässt der Autor keinen Zweifel: Opposition gab es in der DDR nicht. Damit räumt er ein weit verbreitetes Klischee aus dem Weg. Wer behauptet, in der DDR habe es eine Opposition gegeben, der insinuiert, es habe im SED-Staat eine politische Auseinandersetzung zwischen einer legitimen Regierung und einer legalen Opposition gegeben, so, wie man sie in westlichen Demokratien kennt. In Demokratien ist eine funktionierende Opposition von allen Seiten gewollt. Opposition ist unverzichtbarer Bestandteil jeder Demokratie, denn sie garantiert den notwenigen Widerstreit, um ein politisches System zu verbessern. Die SED-Diktatur aber war nicht auf Verbesserung angelegt, sondern auf den Machterhalt einer kommunistischen Herrschafts-Elite. Im Gegensatz zu einer Opposition setzen Widerständler, wie Wolfgang Welsch formuliert, »ihre Freiheit, Unversehrtheit und oft ihr Leben ein«.

Eine der überraschenden Erkenntnisse dieses Buches: Widerstand fand in der DDR nicht nur im Geheimen statt oder im Untergrund oder unter dem Dach der Kirche, sondern auch auf offener Bühne. Akte des Widerstands, das waren auch Fluchtversuche und unverblümt gestellte Anträge auf Ausreise. Allein der Wunsch nach Reisefreiheit rief bei den SED-Machthabern brutale Reaktionen hervor, bis hin zum Mord.

Ein eigenes Kapitel widmet Wolfgang Welsch dem Widerstandsfaktor »Fluchthilfe«. Welsch selbst scheiterte Ende der 60er Jahre bei einem Fluchtversuch und musste in Stasi-Haft sieben Jahre lang Folterqualen (Scheinerschießung, Kältekammer, Schläge) erleiden. Nach seinem Freikauf in die Bundesrepublik übte er quasi Rache am Regime, indem er als Fluchthelfer arbeitete und dabei Hunderte von Menschen aus der DDR in die Freiheit schleuste. Die SED sah in Welsch den Staatsfeind Nr. 1, den Inbegriff des »Kriminellen Menschenhändlers«, den es zu liquidieren galt. Wolfgang Welsch überlebte drei Mordversuche. Vor diesem biographischen Hintergrund hätte man als Leser erwarten können, dass der Autor in diesen Textpassagen die Grenze der Objektivität überschreitet, die für wissenschaftliche Monografien notwendig ist. Das geschieht glücklicherweise nicht. Stattdessen profitieren Fachleute ebenso wie Laien von persönlichen Einblicken in körperlichen und seelischen Staatsterror.

Leider, so bedauert der Autor, werden die DDR-Widerständler mehr und mehr aus dem kollektiven Gedächtnis der Gegenwart gestrichen. Im öffentlichen Bewusstsein der Bundesrepublik verabschiedet sich mehr und mehr die Erkenntnis, dass die Qualen vieler DDR-Bürger beileibe kein »Lapsus der Geschichte« waren, sondern die Verbrechen eines Unrechtsstaates. Und zumindest an diesem Punkt bricht Wolfgang Welsch mit einem Tabu, und zwar, indem er den Vergleich mit der anderen deutschen Diktatur wagt. Das Machterhaltungs-Organ der SED, das Ministerium für Staatsicherheit (MfS) - salopp »Stasi« genannt - sei durchaus mit der nationalsozialistischen Gestapo zu vergleichen. Und, deutlicher noch: »Der überdimensionale Schrecken des Nationalsozialismus hat in Deutschland zu einer unverdient milden Beurteilung des SED-Staates geführt«. Diese und andere Betrachtungsweisen belegt der Autor mit mehr als 900 Quellenangaben. In diesem Zusammenhang wünscht sich der Leser zusätzlich ein Schlagwortregister, das in dieser Erstauflage leider fehlt. Es ist zu hoffen, dass der Lukas Verlag sich bei einer Neuauflage entscheidet, ein solches Register hinzuzufügen. Auch Studenten und Wissenschaftler künftiger Generationen werden sich ein solches Hilfsmittel wünschen. Historiker werden um dieses Buch kaum herumkommen; es hat das Zeug zum Standardwerk.

 

Am vorläufigen Ende der langen Corona-Pandemie konnte ich Anfang Juli 2021 meinen ersten Zeitzeugen-Vortrag am ehrwürdigen Gymnasium St. Paulusheim in Bruchsal/Baden halten.