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Der Stich des Skorpion
erhältlich auch mit englischen Untertiteln – also available with Englisch subtitles

 


"Operation Skorpion" - Stasi-Mordbefehl gegen den Staatsfeind Nr.1

 


 

 © 2007 und Vertrieb durch Studio Hamburg Distributions & Marketing GmbH All rights reserved, Fotos WDR, Bonus: Bericht über Wolfgang Welsch, zu bestellen über Amazon.


WOLFGANG WELSCH “Mein Widerstand gegen den SED-Staat“, DVD-COLLECTION: Zeitzeugen im Gespräch, 95 Minuten, Produktion: Detlef W. Stein, Schnitt: Margarita Stein Interview: Olga Strauss, ISBN 978-3-940452-16-0, http://www.youtube.com/watch?v=JIgktXT6aL4
http://www.oezb-verlag.de/index.php?page=shop.browse&category_id=7&option=com_virtuemart&Itemid=73

 


DVD Ich war Staatfeind Nr. 1, Schauspiel von Wolfgang Welsch
für das Theater Trier, Spielzeit 2010, Generalprobe, WizArt-TV, Einzelne Exple. beim Autor

 


"Das Leben der Anderen"

Originaltitel:

Das Leben der Anderen

Deutscher Titel:

Das Leben der Anderen

Land:

Deutschland

Jahr:

2005

Regie:

Florian Henckel von Donnersmarck

Mit:

Ulrich Mühe, Martina Gedeck, Sebastian Koch, Ulrich Tukur, Thomas Arnold

Buch:

Florian Henckel von Donnersmarck

Produzent:

Max Wiedemann, Quirin Berg

Kamera:

Hagen Bogdanski

Musik:

Gabriel Yared

Dauer:

137

Der Film im Internet:

http://www.movie.de/filme/dlda/

 

=> Das Leben der Anderen - Zeitungsartikel - 27. Februar 2007

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=> Arte-Artikel vom 19. November 2004

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Der Mythos vom Gewissen der Täter

zum „Oscar“ – prämierten Kinofilm Das Leben der Anderen

von Florian Henkel von Donnersmarck (Regie)

 

Warum der Stasi-Film Wirklichkeit mit Fiktion vermischt

Dass der Film „Das Leben der Anderen“ den bislang schweigenden Westmenschen die bedrückende Kulisse der Unterdrückung in der DDR nun ernsthaft vorführt, mag man als Betroffener und Opfer der Diktatur mit verspäteter Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Die Brillanz des Films verdankt sich der genauen Beobachtung der Stasi-Methoden des Abhörens, der seine Glaubwürdigkeit allerdings mit einer schlecht erfundenen Geschichte unterläuft, die den falschen Eindruck vermittelt, Täter hätten sich während der vierzig Jahre anhaltenden Diktatur jemals auf die Seite ihrer Opfer gestellt. Die Realität sah anders aus.

Ein Kinofilm, der mit einer Stasi-Geschichte im Künstler-Milieu impliziert, Täter hätten Skrupel oder ein Gewissen, ist bestenfalls naiv. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass der Westmensch und Regisseur von Donnersmarck seinen Plot „unbefangen“ in Szene setzen konnte, wie der Beifall spendende Chor der Unwissenden murmelt. Deshalb muss man gerade in diesem Fall explizit darauf hinweisen, dass es sich trotz zuweilen dokumentarischer Genauigkeit um einen Spielfilm handelt, Entertainment darstellt, Fiktion bleibt.

Mir geht es nicht darum, den einen oder anderen stilistischen Fehler des Filmes zu bemängeln, oder Kantsche Imperative als Synonym eigener Ratlosigkeit anzubieten, wie mancher Kritiker und Essayist. Ich möchte nur klarstellen, dass das MfS im wirklichen DDR-Leben ideologische „Verräter“ wie den von Ulrich Mühe gespielten Protagonisten des Films, Stasi-Hauptmann Wiesler, gnadenlos verfolgt hätte – wenn es denn jemals dazu gekommen wäre. Mir ist kein einziger Fall bekannt, dass Täter während ihrer Tatausführung moralische Skrupel gehabt hätten oder dass sie nach dem erzwungenen Umsturz durch widerständiges Verhalten Einsicht in das Unrecht ihres Tuns zeigten. Was diesen Film trotz mancher Stereotype dennoch sehenswert macht, ist die Vermittlung der paranoiden Atmosphäre des Bösen mit den Mitteln des Genre-Kinos.

Leider basiert „Das Leben der Anderen“ auf dem Mythos des „stillen Helden“, wie Ulrich Mühe sein filmisches alter ego (in einem Interview mit dem Spiegel) bezeichnet. Dass dieser Mythos für wahr gehalten wird, liegt auch am Koordinatensystem professioneller Aufarbeiter aus der Bürgerrechtsszene, die bis heute manifest widerständiges Verhalten klein reden. Solschenizyn hat die Frage nach der Menschlichkeit von Geheimpolizisten so beantwortet: „Stellen wir uns vor, ein Offizier des MGB wollte sich gegenüber Verfolgten menschlich zeigen. Er könnte das ja nur vor den Gleichgesinnten machen. Das wäre jedoch in der allgemeinen Hassatmosphäre unmöglich – und auch ´peinlich´. Außerdem würde ihn sofort jemand denunzieren. Das System ließ Menschlichkeit nicht zu.“ (1978).

So wundert es nicht, wenn Mühe noch eins drauflegt und von den „vielen stillen Helden“ spricht, die es angeblich gegeben habe, weshalb die DDR schon nach wenigen Monaten zusammengebrochen wäre (ebd.). Die Stasi als Verein grübelnder Menschenrechtler und stiller Förderer des Umsturzes! Grotesker geht es nun wirklich nicht.

Wenn die Amnesie des Hauptdarstellers von der Botschaft des Films gespeist sein sollte, dann erweist er der Aufklärung über die SED-Diktatur und ihrer Aufarbeitung einen Bärendienst.

Regisseur von Donnersmarck kann an die komplexe Darstellung der Stasi–Verbrechen ebenso wenig unbefangen herangehen, wie es Regisseur Spielberg mit Blick auf die geschilderten Nazi-Verbrechen in seinem Film „Schindlers Liste“ tat. Wer angesichts totaler Unterdrückung unbefangen sein will, macht sich erklärtermaßen zum Gehilfen derer, die zunehmend lautstark von der „Rechtmäßigkeit“ ihres damaligen Handelns sprechen.

In acht Jahren Vorbereitung zu diesem Film, Abschlussarbeit seines Studiums, hatte von Donnersmarck zwar einen Stasiberater für die Beschreibung der Details des Bösen an seiner Seite, befragte aber kein genuines Opfer des SED-Staates, bezog es ein oder verarbeitete dessen Erfahrung.

Mag sein, dass die Requisiten der Bespitzelung im Großen und Ganzen korrekt dargestellt wurden, mag auch sein, dass die bedrückende Atmosphäre der allumfassenden Überwachung durch die Stasi–Krake eingängig vermittelt wird. Ein Film, der Stasi-Tätern moralische Regungen oder die Fähigkeit zur Differenzierung unterstellt, bleibt unglaubwürdig. Bleibend für die Opfer der Diktatur sind die physischen und psychischen Verheerungen, die sie durch jene, von Ulrich Mühe so bezeichneten „stillen Helden“ erlitten haben. Eines ist wahr: Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist nicht einmal vergangen.

 

Wolfgang Welsch

(gekürzt erschienen im „Stacheldraht“ 3/2006 Zeitschrift für Freiheit, Recht und Demokratie und „Leipziger Volkstimme“ 2006)

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