wolfgang-welsch.com

     

Remscheid 2022, ISBN 978-3-98527-531-1

Bücher, Aufsätze, Essays und wissenschaftliche Abhandlungen über Zeitzeugen in der politischen Bildung gibt es zuhauf. Das didaktische Material zum Einsatz von Zeitzeugen in Schule, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen ist üppig. Aber nur selten schreiben Zeitzeugen selbst über ihre Arbeit und ihre Erfahrungen. In meinem Buch geht es zum einen um den eigenen Stellenwert im didaktisch-organisatorischen Umfeld, zum anderen um die Reflexion meiner Tätigkeit als Zeitzeuge.

In der Regel handelt es sich bei DDR-Zeitzeugen um »Opfer« des SED/MfS-Regimes, besser: um Betroffene. Sie liefern ihre historische Narration, indem sie ihre Erfahrungen im Gespräch ordnen, interpretieren, deuten und konstruieren sie Geschichte. Merkmale von DDR-Zeitzeugen sind ihr Opferstatus und ihre Traumatisierung, auf denen ein wie auch immer gearteter Appell basiert. Als Protagonist des Widerstands obliegt mir ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Schließlich setze ich mich in meinen Büchern nach akademischen Maßstäben mit der DDR und dem MfS auseinander. In dieser Hinsicht sind meine Zeitzeugen-Vorträge- und Gespräche multidimensional und multifunktional.

Ein Zeitzeuge ist kein Historiker, kann aber aus eigenem Erleben Zeugnis von Ereignissen geben und ist somit eine wichtige historische Quelle. Als natürliche Person ist er ein Augenzeuge, der historische Ereignisse persönlich erlebt hat, einen Sachverhalt aufklären, überliefern und bekunden kann. Er legt Zeugnis im Sinne eines Beweises ab.

Ein Zeitzeuge, der über den SED-Staat und dessen Praktiken berichtet, vertritt keine ideologische Position, zu der distanzierte Gegenpositionen entwickelt werden könnten, sondern er berichtet von der Macht des Faktischen. Das emotionale Potenzial von Zeitzeugenberichten ist in allen Verwendungsformen präsent und kommt als didaktisches Mittel insbesondere im Schulunterricht zum Tragen. Als einer der häufig gebuchten Zeitzeugen möchte ich mit diesem Buch meine Erfahrungen zusammenfassen und dessen Stellenwert in Gegenwart und Zukunft thematisieren.

Unter den leider andauernden Corona-Bedingungen liefen wieder einige Vorträge an deutschen Standorten wie Herford/Niedersachsen, Bad Rappenau/BW und demnächst an der LMU München.

Auch war es möglich, in einigen Kantonsschulen der Schweiz unter den gleichen Bedingungen vom 8. bis 11. November 2021 im Rahmen der Reihe

STUDENTS MEET HUMAN RIGHTS

Referate und Diskussionen mit den Schülern über den Unrechtsstaat DDR mit all seinen Implikationen führen. Das Interesse war groß und spiegelte sich in den Fragen der Schüler:innen wieder, von denen ich hier einige exemplarisch aufzähle:

  • Woher nahmen Sie die Kraft und Ausdauer, angesichts von Misshandlung und Folter in Stasi- u.a. Gefängnissen widerständig zu handeln?
  • Wie kommt es, dass Sie nach Ihren Gewalt-Erfahrungen darüber so offen sprechen können?
  • Was empfanden Sie, als Sie vor den Gewehrläufen standen und angeblich hingerichtet werden sollten?
  • Warum haben Sie trotz Erniedrigungen und Rückschlägen an Ihrer politischen Position festgehalten?
  • Haben Sie psychische Verletzungen, Wunden und Erinnerungen die Sie noch heute einholen?
  • Sie haben Verrat von engsten Familienmitgliedern und Freunden erlebt. Wie geht man damit um?
  • Hatten Sie während der Jahre im Gefängnis je daran gedacht aufzugeben, einzulenken?
  • Welcher Gedanke hat Sie im Gefängnis am Leben gehalten?

Der Historikerin Daniela Münkel, Mitglied des SPD-Geschichtsforums und Leiterin der Forschung(!) beim Stasi-Unterlagen-Archiv /BA/BStU, passte mein jüngstes Buch aus den verschiedensten Gründen nicht. Missliebige Bücher verbrennen (10.5.33) geht nicht. Aber öffentlich dazu auffordern, es bloß nicht zu lesen, ist eine an vormalige Ereignisse angelehnte Form totaler Ablehnung. Warum reagiert eine Wissenschaftlerin derart emotional?

Die wichtigste Regel postsozialistischer Erinnerungspolitik lautet, auf die Stimmen der Opfer und Geschädigten des SED-Regimes zu hören. Dabei denkt man an die zeitgeschichtliche Debatte, bekannt als Historikerstreit, über die geschichtswissenschaftliche Methodik bei der Herausarbeitung der Singularität des Holocaust und um die Frage eines identitätsstiftenden Geschichtsbildes. Saul Friedländer stellte damals fest, dass deutsche Historiker davon ausgingen, dass jüdische Stimmen nichts zur Debatte beitragen oder von ihr ablenken würden, weil sie zu emotional seien. Tatsächlich war die Einbeziehung dieser Stimmen nicht nur unerlässlich, um das Grauen der Ereignisse zu begreifen, wie Friedländer betonte, sondern auch, um ihr Ausmaß zu verstehen.

Aus dieser Sicht sind die abwertenden Äußerungen der Historikerin Münkel zu meinem Buch »Widerstand. Eine Abrechnung mit der SED-Diktatur« (Lukas-Verlag, Berlin 2021) nichts anderes als eine subtile Form wissenschaftlicher Herablassung gegenüber dem Widerstand, den Opfern und den Geschädigten des SED-Regimes. Vor allem jenen, die als politische Häftlinge misshandelt und gefoltert wurden, weil sie der Idee eines freiheitlichen Rechtsstaates anhingen.

Als Leiterin einer Forschungsabteilung, sollte sie zu diesem Thema sammeln, sichten und unvoreingenommen präsentieren. Kurz gesagt, Demokratie kann nur in ständiger Auseinandersetzung mit der Geschichte gedeihen. Der Haken dabei: Geschichte ist immer unbequem, weil Stimmen gehört werden müssen, die wehtun.

Der Haupttitel des jüngsten Buches von Wolfgang Welsch gibt wenig preis. Doch der Untertitel ist aufschlussreich: „SED-Diktatur“ gab es nur eine, und die „nur“ 40 Jahre.
„Abrechnung“ lässt darauf schließen, dass Autobiographisches eine bestimmende Rolle spielt. Und so ist es auch. Nach einem Fluchtversuch aus der DDR 1964 wurde Welsch zu zehn Jahren Haft verurteilt und verbüßte diese im Stasi-Gefängnis Berlin-Pankow, im Gefängnis Bautzen und im Zuchthaus Brandenburg. Nach seinem Freikauf durch den Westen 1971 half er über 200 DDR-Bürgern bei der Flucht aus dem Unrechtsstaat.

Die Einführung beginnt mit der Verlautbarung eines Bolschewiki, der bekennt, dass die Kommunisten ihre Ziele nur „über Kampf und Vernichtung“ erreichen können. Das war keine neue Offenbarung, sondern die Wiederholung dessen, was Marx und Engels schon 1848 verkündet hatten: „Die Kommunisten (...) erklären es offen, dass ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung.“ Welsch beklagt, dass die Schilderungen dieser Wirklichkeit gewordenen Absicht im freien Westen „eher als ein Produkt des Kalten Krieges denn als Informations- und Anklageschriften gegen ein totalitäres Regime verstanden“ wurden. Ihm ist es ein Anliegen, den Deutschen die kommunistische Diktatur ebenso präsent zu machen, wie die NS-Diktatur. Schon in der Einführung beantwortet er die naheliegende Frage, ob das Opfer, also er selbst, berufen ist, den fraglichen Sachverhalt zu klären. Er verweist auf nahezu sieben Jahre Haft, Misshandlungen, fünf Tötungsversuche. Wer ohne Betroffenheit schreibt, der muss sich sagen lassen, er produziere „Yoghurt-Literatur, die das Verfallsdatum schon auf dem Buchumschlag trägt.“

 
Wolfgang Welsch: Eine Abrechnung mi der SED-Diktatur, Lukas Verlag Berlin 2021, gebunden, 379 Seiten, 30 Euro 
 
Das Buch ist in acht Kapiteln gegliedert. Das erste macht den Leser mit dem Machtapparat der Partei und ihrem Haupt-Repressionsinstrument vertraut, dem Ministerium für Staatssicherheit, auch Stasi genannt. „Bis zum Untergang der DDR überzogen die MfS-Dienststellen flächendeckend das Land.“ Über 90.000 Personen arbeiteten 1989 hauptamtlich für das MfS, weitere 170.000 als inoffizielle Mitarbeiter (IM). Wer war ein Verfolgter? Ein Opfer von operativen Maßnahmen. Insgesamt gab es in den vierzig Jahren DDR über 800.000 Häftlinge, davon mindestens 200.000 politische. „Daneben gab es die Masse, die so tat, als sähe sie nichts.“ Wie treffend, aber üblich in totalitären Staaten.
Das zweite Hauptkapitel befasst sich mit den Mitteln und Methoden der Stasi. „Wie und warum funktionierte der Terror?“ Auf vielfältige Weise. Eine Möglichkeit bot die vielgepriesene Meinungsfreiheit, zu der man sich in der Verfassung feierlich bekannte. Sie war in Wirklichkeit eine Täuschung, die die meisten Opfer zu Fall brachte und half, die Staatskasse 
mit Lösegeld zu füllen. In Artikel 27 der DDR-Verfassung von 1968 stand, dass jeder Bürger das Recht habe, „den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß seine Meinung frei und öffentlich zu äußern“. Einer dieser Grundsätze war die Anerkennung der führenden Rolle der SED, wie dies die Einleitung zur Verfassung unmissverständlich festschrieb. Glaubhaft berichtet Welsch, dass schon ein Brief an die Vereinten Nationen als „ungesetzliche Verbindungsaufnahme“ zu einer „verbrecherischen Organisation“ mit jahrelangem Freiheitsentzug geahndet wurde. Andere Kapitel befassen sich mit „Marxismus als Ersatzreligion und ideologische Basis“, „Flucht und Fluchthilfe als Widerstandshandlung“, „der Bedeutung des Widerstandes für das Ende der DDR“.
Knapp 400 engbedruckte Seiten belegen, mit welcher Kompetenz und Leidenschaft sich Welsch an seine Leiden in einem schlecht kaschierten Unrechtsstaat erinnert. Dem entspricht die Schilderung des Widerstandes. Da können Wiederholungen nicht ausbleiben. Das beachtliche Werk verdient weiteste Verbreitung. Leider fehlt jedoch ein Register.

Prof. Dr. Konrad Löw lehrte Politikwissenschaften an der Universität Bayreuth

Der in Budapest lebende Schriftsteller und Übersetzer, Hans-Henning Paetzke, Träger des Offizierskreuz des ungarischen Verdienstordens und des BVK am Bande schrieb zu meinem Buch: 

Wenn der Titel des neuen Buches von Wolfgang Welsch über die Mechanismen des SED-Staates DDR und dessen Aufarbeitung lautet: „Widerstand, eine Abrechnung…“ so ist mir der Inhalt damit nur unzureichend beschrieben. Eher würde ich von einer Monographie, einer wissenschaftlichen Aufarbeitung von Widerstand und Verfolgung, von Verharmlosungsstrategien des untergegangenen Mafiastaats DDR sprechen. Welsch, der wegen seines eigenen Widerstandes fast sieben Jahre Zuchthaus in der DDR verbüßte und nach seinem Freikauf durch die Bundesrepublik zu einem der erfolgreichsten Fluchthelfer avancierte, gegen den drei gerichtlich nachgewiesene Stasi-Mordanschläge verübt wurden, setzt sich mit diesem Buch unter anderem auch mit der Bürgerrechtsbewegung auseinander, deren Bedeutung seiner Meinung nach in der Nach-DDR maßlos überschätzt wird. Überschätzt? Ja, denn die Bürgerrechtler wollten trotz allen Verfolgung die DDR keineswegs abschaffen, sondern lediglich reformieren. Kommunistische Diktaturen aber, so Welsch, lassen sich nicht reformieren, sind jedenfalls noch nie reformiert worden. Alle Versuche sind immer gescheitert.

Weiterlesen ...

Aufklärung über einen Unrechtsstaat
Rezension des Journalisten und Publizisten Jörg Bernhard Bilke 

Im Herbst 1985 veranstaltete die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung eine Tagung zum 40. Jahrestag der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED am 21./22. April 1946. Im Eröffnungsreferat warnte der Ex-Kommunist Wolfgang Leonhard, Autor des Buches „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ (1955), die SPD-Politiker in Bonn eindringlich davor, den Lockungen der Ostberliner Kommunisten zu vertrauen und sich auf ihre Versprechungen einzulassen. Der Mann, der als Mitglied der „Gruppe Ulbricht“ 1945 von Moskau nach Ostberlin geflogen und 1949, noch vor der DDR-Gründung, nach Jugoslawien geflohen war, sprach aus Erfahrung.

Mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall, der am 3. Oktober 1990 zur Wiedervereinigung Deutschlands geführt hatte, veröffentlichte der einstige DDR-Häftling Wolfgang Welsch ein Buch mit dem Untertitel „Abrechnung mit der SED-Diktatur“. Der 1944 in Berlin geborene Publizist und Autor wurde 1964 nach einem gescheiterten Fluchtversuch zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, aber überraschend nach zwei Jahren freigelassen. Nach seiner zweiten Verhaftung wurde er 1971 von der Bundesregierung freigekauft und nahm 1972 in Gießen ein Studium der Soziologie und Politik auf. Fünf Jahre später wurde er promoviert, der Titel der Dissertation lautete: „Arbeitsweise, Aufgabenstellung und Zielsetzung des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR“.

Weiterlesen ...

Donnerstag, 12. August 2021, 17.00 Uhr

Oberkirche St. Nikolai, Cottbus

»Die Verfolgung des Widerstands gegen das SED-Regime«

Impulsvortrag

 

Freitag, 13. August 2021, 18.00 Uhr

Museum Alexandrowka,  Potsdam

»Die Verfolgung des Widerstands gegen das SED-Regime«

Impulsvortrag

Soeben erschien mein neues Buch als Hard-Cover beim Lukas Verlag Berlin.

Nachfolgend eine erste Rezension:

Wolfgang Welsch: »Widerstand – Eine Abrechnung mit der SED-Diktatur«, 1. Auflage 2021, Berlin, Lukas Verlag.
Eine Rezension des Journalisten und Autors Torsten Sasse

Wissenschaftlich arbeiten und verständlich schreiben, das können eigentlich nur amerikanische Autoren. Der deutsche Soziologe und Publizist Wolfgang Welsch kann es auch. Vielleicht liegt es an seinen »handfesten« Erfahrungen als Stasi-Opfer in der DDR, wenn er auch komplexe Zusammenhänge packend beschreibt.

Mit Widerstand – Eine Abrechnung mit der SED-Diktatur liegt die erste Monografie vor, die sich mit dem DDR-Terror und den vielfältigen Formen des Widerstands in der eingemauerten Republik beschäftigt. Wolfgang Welsch benutzt den Begriff bewusst: Widerstand. Nicht Opposition. Denn daran lässt der Autor keinen Zweifel: Opposition gab es in der DDR nicht. Damit räumt er ein weit verbreitetes Klischee aus dem Weg. Wer behauptet, in der DDR habe es eine Opposition gegeben, der insinuiert, es habe im SED-Staat eine politische Auseinandersetzung zwischen einer legitimen Regierung und einer legalen Opposition gegeben, so, wie man sie in westlichen Demokratien kennt. In Demokratien ist eine funktionierende Opposition von allen Seiten gewollt. Opposition ist unverzichtbarer Bestandteil jeder Demokratie, denn sie garantiert den notwenigen Widerstreit, um ein politisches System zu verbessern. Die SED-Diktatur aber war nicht auf Verbesserung angelegt, sondern auf den Machterhalt einer kommunistischen Herrschafts-Elite. Im Gegensatz zu einer Opposition setzen Widerständler, wie Wolfgang Welsch formuliert, »ihre Freiheit, Unversehrtheit und oft ihr Leben ein«.

Eine der überraschenden Erkenntnisse dieses Buches: Widerstand fand in der DDR nicht nur im Geheimen statt oder im Untergrund oder unter dem Dach der Kirche, sondern auch auf offener Bühne. Akte des Widerstands, das waren auch Fluchtversuche und unverblümt gestellte Anträge auf Ausreise. Allein der Wunsch nach Reisefreiheit rief bei den SED-Machthabern brutale Reaktionen hervor, bis hin zum Mord.

Ein eigenes Kapitel widmet Wolfgang Welsch dem Widerstandsfaktor »Fluchthilfe«. Welsch selbst scheiterte Ende der 60er Jahre bei einem Fluchtversuch und musste in Stasi-Haft sieben Jahre lang Folterqualen (Scheinerschießung, Kältekammer, Schläge) erleiden. Nach seinem Freikauf in die Bundesrepublik übte er quasi Rache am Regime, indem er als Fluchthelfer arbeitete und dabei Hunderte von Menschen aus der DDR in die Freiheit schleuste. Die SED sah in Welsch den Staatsfeind Nr. 1, den Inbegriff des »Kriminellen Menschenhändlers«, den es zu liquidieren galt. Wolfgang Welsch überlebte drei Mordversuche. Vor diesem biographischen Hintergrund hätte man als Leser erwarten können, dass der Autor in diesen Textpassagen die Grenze der Objektivität überschreitet, die für wissenschaftliche Monografien notwendig ist. Das geschieht glücklicherweise nicht. Stattdessen profitieren Fachleute ebenso wie Laien von persönlichen Einblicken in körperlichen und seelischen Staatsterror.

Leider, so bedauert der Autor, werden die DDR-Widerständler mehr und mehr aus dem kollektiven Gedächtnis der Gegenwart gestrichen. Im öffentlichen Bewusstsein der Bundesrepublik verabschiedet sich mehr und mehr die Erkenntnis, dass die Qualen vieler DDR-Bürger beileibe kein »Lapsus der Geschichte« waren, sondern die Verbrechen eines Unrechtsstaates. Und zumindest an diesem Punkt bricht Wolfgang Welsch mit einem Tabu, und zwar, indem er den Vergleich mit der anderen deutschen Diktatur wagt. Das Machterhaltungs-Organ der SED, das Ministerium für Staatsicherheit (MfS) - salopp »Stasi« genannt - sei durchaus mit der nationalsozialistischen Gestapo zu vergleichen. Und, deutlicher noch: »Der überdimensionale Schrecken des Nationalsozialismus hat in Deutschland zu einer unverdient milden Beurteilung des SED-Staates geführt«. Diese und andere Betrachtungsweisen belegt der Autor mit mehr als 900 Quellenangaben. In diesem Zusammenhang wünscht sich der Leser zusätzlich ein Schlagwortregister, das in dieser Erstauflage leider fehlt. Es ist zu hoffen, dass der Lukas Verlag sich bei einer Neuauflage entscheidet, ein solches Register hinzuzufügen. Auch Studenten und Wissenschaftler künftiger Generationen werden sich ein solches Hilfsmittel wünschen. Historiker werden um dieses Buch kaum herumkommen; es hat das Zeug zum Standardwerk.

 

Am vorläufigen Ende der langen Corona-Pandemie konnte ich Anfang Juli 2021 meinen ersten Zeitzeugen-Vortrag am ehrwürdigen Gymnasium St. Paulusheim in Bruchsal/Baden halten.

 

Allen Besuchern und Lesern meiner Website und meinen Büchern, den unzähligen Schülerinnen und Schülern an Schulen in Deutschland und der Schweiz als Hörer meiner Vorträge, gleichermaßen den Studenten an Universitäten im In- und Ausland, den Zuhörern in Stiftungen und Parteien, wünsche ich ein gutes, gesundes und hoffnungsvolles Neues Jahr 2021.

Das wünsche ich auch allen vormals Verfolgten und Geschädigten des SED-Staates, die sich von den polarisierenden tiefen Rissen und Spaltungen einer identitätspolitischen Auseinandersetzung im zurückliegenden Jahr nicht irritieren ließen, die Ruhe bewahrt, Vernunft behalten und im erbitterten Streit um Positionen den demokratischen Grundkonsens nicht verlassen haben.
Nicht nur das Klima, die Flüchtlingspolitik oder die politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie erhitzten die Gemüter. Für mich unfassbar, das auch ehemals politische Verfolgte des SED-Regimes, Widerständler, politische Häftlinge, Bürgerrechtler der quasi „letzten Stunden“ einer menschenverachtenden Diktatur, die eine weltweit grassierende, die Volkswirtschaften schwer schädigende Pandemie mit steigenden Todesraten zu einem grippalen Infekt verharmlosen.
Die Auftritte mancher Bürgerrechtler, ‘Falschdenker‘ und alternativer Systemkritiker machen deutlich, wie leicht die gewachsenen Werte unseres demokratisch verfassten Staates verächtlich gemacht werden, wenn von einer Diktatur „wie in der DDR“ geschwafelt wird. Offenbar leben sie in einer Welt ‘alternativer Fakten‘. Das Ziel militanter Kritiker von links bis rechts liegt jedoch nicht im Detail politischer Maßnahmen, sondern im Systemwechsel. Aus einer anfänglich liberalen Skepsis wurde schleichender Staatshass. Eines muss jedoch festgestellt werden: Ihr exklusiver Wahrheitsanspruch ist nicht demokratisch. Verschwörungsglaube steht gegen überfüllte Intensivstationen.

Das Ende des vergangenen Jahres begann mit einem unglaublichen Sieg der Forschung. Entgegen aller Annahmen und Erwartungen steht den Menschen seitdem weltweit ein Vakzin zur Verfügung, das den Kampf gegen eine historische Corona-Pandemie aufnimmt und im Verlauf des Frühjahrs 2021 auch in Deutschland vielen Menschen zur Verfügung stehen wird.

Für mich verbindet sich damit die Hoffnung, meine Vortragstätigkeit an Schulen u.a. Institutionen zur Aufklärung und Aufarbeitung der SED-Diktatur in 2021 wieder aufzunehmen. In einer Zeit weggebrochener Auftritte und eingeschränkter Bewegungsfreiheit konnte ich die Zeit des Lockdowns nutzen und ein neues Buch zum Thema “Unrechtsstaat DDR“ schreiben.