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Der Historikerin Daniela Münkel, Mitglied des SPD-Geschichtsforums und Leiterin der Forschung(!) beim Stasi-Unterlagen-Archiv /BA/BStU, passte mein jüngstes Buch aus den verschiedensten Gründen nicht. Missliebige Bücher verbrennen (10.5.33) geht nicht. Aber öffentlich dazu auffordern, es bloß nicht zu lesen, ist eine an vormalige Ereignisse angelehnte Form totaler Ablehnung. Warum reagiert eine Wissenschaftlerin derart emotional?

Die wichtigste Regel postsozialistischer Erinnerungspolitik lautet, auf die Stimmen der Opfer und Geschädigten des SED-Regimes zu hören. Dabei denkt man an die zeitgeschichtliche Debatte, bekannt als Historikerstreit, über die geschichtswissenschaftliche Methodik bei der Herausarbeitung der Singularität des Holocaust und um die Frage eines identitätsstiftenden Geschichtsbildes. Saul Friedländer stellte damals fest, dass deutsche Historiker davon ausgingen, dass jüdische Stimmen nichts zur Debatte beitragen oder von ihr ablenken würden, weil sie zu emotional seien. Tatsächlich war die Einbeziehung dieser Stimmen nicht nur unerlässlich, um das Grauen der Ereignisse zu begreifen, wie Friedländer betonte, sondern auch, um ihr Ausmaß zu verstehen.

Aus dieser Sicht sind die abwertenden Äußerungen der Historikerin Münkel zu meinem Buch »Widerstand. Eine Abrechnung mit der SED-Diktatur« (Lukas-Verlag, Berlin 2021) nichts anderes als eine subtile Form wissenschaftlicher Herablassung gegenüber dem Widerstand, den Opfern und den Geschädigten des SED-Regimes. Vor allem jenen, die als politische Häftlinge misshandelt und gefoltert wurden, weil sie der Idee eines freiheitlichen Rechtsstaates anhingen.

Als Leiterin einer Forschungsabteilung, sollte sie zu diesem Thema sammeln, sichten und unvoreingenommen präsentieren. Kurz gesagt, Demokratie kann nur in ständiger Auseinandersetzung mit der Geschichte gedeihen. Der Haken dabei: Geschichte ist immer unbequem, weil Stimmen gehört werden müssen, die wehtun.